Probleme in den Tagen nach der Katastrophe
Er ist nicht gekommen. Dabei hätte er schon gewollt. Dem Vernehmen nach wäre Kofi Annan bei seinem Besuch in Sri Lanka auch zu den Flutopfern in den Rebellengebieten im Nordosten gefahren, um ihnen seine Anteilnahme zu zeigen. Doch die Regierung in Colombo protestierte - und der UN-Generalsekretär verzichtete auf den Abstecher. Die Rebellen zeigten sich empört über das Veto von Colombo.
Über alle Grenzen hinweg haben die Menschen in Sri Lanka im Angesicht der Flutkatastrophe zusammengestanden. Buddhistische Tempel öffneten ihre Tore für Hindus, Moscheen für Christen und Kirchen für Buddhisten. Singhalesen versorgten Tamilen und Tamilen Singhalesen. Man erzählt sich sogar, dass Regierungssoldaten Rebellen retteten, und Rebellen Soldaten.
Lange schien die Chance nicht mehr so groß, das Land zu einen und den Konflikt zwischen Singhalesen und Tamilen zu entschärfen. Doch die Regierung unter Präsidentin Chandrika Kumaratunga und die tamilische Separatistenorganisation LTTE sind dabei, die Chance zu verspielen. Ungeachtet der mehr als 30 000 Toten verfallen sie wieder in die alten Machtkämpfe und Beißreflexe. Ein offener Streit ist entbrannt, wer über Spenden und Hilfsgüter bestimmt. Die LTTE wirft der Regierung vor, zu wenig Hilfe in den tamilischen Nordosten weiterzuleiten.
Die von Kumaratunga eingesetzte Task Force, die Hilfe und Wiederaufbau regeln soll, ist fast ausnahmslos mit Singhalesen besetzt. Zwar hatte Kumaratunga die LTTE mitgeladen, aber erst nachdem sie "ihre" Task Force angekündigt hatte. Politikexperten halten dies für fatal. Damit würden die Gräben zwischen dem tamilischen Nordosten und dem singhalesischen Süden und Westen vertieft.
In einem Appell riefen am Sonntag namhafte Personen des Landes Kamaratunga und LTTE-Chef Velupillai Prabhakaran auf, sich angesichts des Desasters zusammenzuraufen. Notwendig sei eine gemeinsame Task Force, die eine gerechte Verteilung der Hilfsgüter im ganzen Land sichere. Die Unterzeichner forderten, umgehend eine Konferenz einzuberufen, an der alle wichtigen Gruppen des Landes beteiligt sind.
Westliche Beobachter sehen vor allem die internationale Gemeinschaft in der Verantwortung. Sie müsse mehr Druck auf beide Seiten ausüben und dürfe sich nicht länger von den Streithähnen "auf der Nase rumtanzen lassen", sagt ein Politikexperte.
Die Tropeninsel Sri Lanka, nicht einmal so groß wie Bayern, ist nach Indonesien am schlimmsten von der Flut betroffen. Die Riesenwellen haben weite Teile der Küste im Süden und Westen verwüstet, aber vielleicht noch schlimmer hat die Flut im tamilischen Osten und Nordosten gewütet. Allein dort kamen 19 000 Menschen um. Die LTTE hat Videos verbreitet, die kurz nach dem Seebeben aufgenommen wurden. Die Bilder sind kaum zu ertragen. Untermalt von Musik, zeigen sie Straßen voller Leichen und verzweifelte Mütter mit ihren toten Kindern im Arm.
Zwei Wochen nach der Flut ist die Versorgungslage im Nordosten weit schlechter als im Süden, berichten Augenzeugen. Noch immer sollen hunderte Menschen im Freien campieren müssen. Die LTTE macht die Regierung dafür verantwortlich. Diese bevorzuge den Süden. Kumaratunga weist dies zurück. Der Nordosten habe sogar mehr Hilfe erhalten, ließ sie über einen Sprecher verbreiten. So recht glauben mag man das nicht. Politikern sind aller Erfahrung nach jene näher, die sie wählen. Und das sind für Kumaratunga vor allem die Singhalesen im Süden und Westen und nicht die Tamilen im Norden und Osten. Es gibt Berichte, dass Regierungssoldaten in Einzelfällen Hilfstransporte in den Nordosten gestoppt haben. Als die italienische Regierung direkt an die Rebellen Hilfsgüter lieferte, protestierte die Regierung umgehend.
Allerdings gibt es auch andere Gründe für die Probleme im Nordosten. Einen Großteil der Hilfsgüter verteilt nicht die Regierung, sondern unabhängige Organisationen. Viele Dörfer sind jedoch viel schwerer zu erreichen als im touristischen Süden und Westen. Zudem erschweren freigeschwemmte Landminen Hilfe und die Bergung von Toten. In Zeitungen werden bereits "Rosinenbomber" nach Berliner Vorbild vorgeschlagen.
Die Tropeninsel ist ein geteiltes Land. Die LTTE hat in etwa zwei Dritteln des Nordostens das Sagen und quasi einen eigenen Staat aufgebaut, im restlichen Drittel des Nordostens ringen Regierung und Rebellen um die Vormacht. Beide Seiten versuchen derzeit, die Katastrophe zu nutzen, um dort ihren Einfluss auszudehnen und die Kontrolle über die Flüchtlingscamps zu bekommen. Kamaratunga hat bewaffnete Soldaten in die Camps geschickt, die LTTE empfindet das quasi als verkappte Kampfansage.
Politisch hat die Flutkatastrophe sowohl die Regierung als auch die Rebellen eher gestärkt. Die LTTE mit ihren autoritären und straff organisierten Strukturen habe sofort reagiert. Schon wenige Minuten nach der Flut sollen die ersten LTTE-Kämpfer eingetroffen sein, um Überlebende und Tote zu bergen. Manche seien mit dem Fahrrad angeradelt, heißt es. Auch die Regierung hat in der Krise Profil gewinnen können.
Als Gewinner könnte auch die national-sozialistische JVP, die als Juniorpartner in Kamaratungas Regierung sitzt, aus der Katastrophe hervorgehen. Die JVP leistet im Süden massiv Hilfe, überall sind ihre Mitglieder, ihre Anlaufstellen und Hilfstransporte zu sehen. Politikexperten sehen dies mit Sorge: Ein Erstarken der JVP würde den Friedensprozess erschweren, denn die singhalesische JVP steht der LTTE feindlich gegenueber.
Trotzdem sehen kundige Beobachter die Chance noch nicht vertan, dass die Katastrophe dem Friedensprozess einen neuen Schub versetzen könnte. Noch kurz vor der Flut schien es, als stünde Sri Lanka vor einem neuen Bürgerkrieg. Der Waffenstillstand wurde immer brüchiger, Anschläge mehrten sich. Die Katastrophe bindet nun Kräfte auf beiden Seiten, Tamilen-Kämpfer und Soldaten sind damit beschäftigt, die Menschen zu versorgen.
Ungeachtet der Streitereien ihrer Spitzen arbeiten Rebellen und kleine Regierungsbeamte in vielen Orten im Nordosten tatkräftig zusammen, um die Not der Menschen zu lindern. Auch das gibt Hoffnung für den Friedensprozess.
Die internationale Gemeinschaft dürfte kaum hinnehmen, dass das Land in den Bürgerkrieg zurückfällt, während sie Millionen Hilfsgelder hineinpumpt. Außenminister Joschka Fischer dürfte dies bei seiner Visite Anfang der Woche ansprechen. Auch Kofi Annan mahnte vor seiner Abreise: "Die gewöhnlichen Menschen von Sri Lanka haben in außergewöhnlicher Weise zusammengehalten. Ich hoffe, dass auch die politischen Führer zusammenkommen." Er hoffe, wieder nach Sri Lanka zu kommen, um dann alle Teile des Landes zu sehen - und den Frieden zu feiern, sagte er.
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